„Ich habe Weinen getränt“ – ein Text über das Texteschreiben im inklusiven Theater



„Die meisten Leute fürchten das Dunkel des Unbekannten, Unsichtbaren, Verborgenen. Und doch ist die Nacht, in der sich Unterscheidungen und Definitionen nur schwer vornehmen lassen, dieselbe Nacht, in der sich Menschen lieben, in der es zu Verschmelzung, Verwandlung, Verzauberung, … Befreiung, Erneuerung kommt.“ (nach Rebecca Solnit: „Wenn Männer mir die Welt erklären“)


Dieses Dunkel, dieses Unbekannte steht – im besten Falle – am Anfang jeder künstlerischen Produktion. Denn dieses Unbekannte ermöglicht uns, gemeinsam unterwegs zu sein, sich gegenseitig zu entdecken, anstatt die eigenen, vorgefertigten Gedanken am anderen zu überprüfen oder – schlimmer noch – sich vom anderen bestätigen zu lassen.


Da sind also zehn Menschen im Proberaum. Diese Gruppe von Spieler*innen wurde für das Projekt zusammengestellt. Sie alle zehn sind hier – das ist der erste Ausgangspunkt. Und dann gibt es noch das Thema des Festivals: Rausch. Der spannendste Aspekt von Rausch ist für uns: Kontrolle – der zweite Ausgangspunkt. Mich interessieren keine autobiographischen Rausch- oder Kontrollerfahrungen. Die Gruppe besteht für mich nicht aus sogenannten Expert*innen des Alltags sondern aus zehn Individuen mit zahlreichen unterschiedlichen Erfahrungen.

Ich beobachte, ich höre zu, ich schreibe mit. In den Proben fallen Sätze wie: „Ich habe Weinen getränt“ … Sätze, die mich ermutigen die erlernten Sprachregeln aufzulösen, die bekannten Wege zu verlassen und mich dem Unbekannten zuzuwenden.

Bilder von Masse, Schwarm, Wiederholung, Eintönigkeit, Freude entstehen. Die Texte sollen Partner sein für die Bilder.

Fasziniert erlebe ich, wie verschiedenartig die Spieler*innen sich Welt aneignen. Sie werfen meine Geschwindigkeit, meine gewohnte Arbeitsweise, mein Beharren auf Sinnhaftigkeit, mein Verständnis von Text und Struktur durcheinander: Kommunikation findet hier nicht nur mit Worten statt sondern mit Körper, mit Bildaufteilungen, mit Strichen, mit Berührungen. Daraus entstehen die ersten Texte, sehr verschieden, stolprig, poetisch. Das Eine ergibt das Andere. Das Unbekannte wird zu einem guten Freund.

Am Ende kommt alles zusammen und ich finde in den Texten jede*n Einzelne*n wieder mit dem jeweils eigenen Rausch und der individuellen Kontrolle.


Ach ja, ich sollte ja einen Text über Inklusion schreiben. Stimmt, hatte ich vergessen. Ach ne, hab ich ja gemacht…

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