Wusel vor dem Sturm

Es ist kurz vor der Aufführung mit richtigem Publikum.

Knistern liegt in der KAT 18-Luft und irgendwann auch der Duft von Popcorn. Das macht noch ein bisschen mehr aufgeregt, denn Popcorn gibt's nur, wenn's ernst wird. Heute ist alles ziemlich wuselig. Es muss alles nach Zeitplan laufen, schließlich wird die Tür zum Atelier pünktlich um 19 Uhr geöffnet. Aber da es für alle einen strukturierten Zeitplan gibt, wird das wohl kein Problem sein. Alle wissen, wann sie zu Leonie zum Schminken müssen, wann sie am besten ihr Kostüm anziehen und wann sie aufhören sollten, Apfelschorle zu trinken, um nicht die ganze Zeit auf die Toilette hasten zu müssen.

Ein bisschen Puffer muss auch sein, weil heute ein paar Dinge einfach noch ausprobiert werden müssen.

Dass Kleider Leute machen, hinterfragt hier keiner mehr. Kaum sind die KünstlerInnen in ihre Kostüme geschlüpft, verändert sich etwas. Mancher Gang ist aufrechter. Ein Jacket macht eine gerade Haltung. Ein Glitzerschal wird zum Komplimentkatalysator.

Nico wird in seinem Lederhemd zum Poser und umgarnt alle, die ihm begegnen, mit seinem Schal und seinem Charme. "Na, mein Mäuschen?", begrüßt er Theresa, die losprustet. "Mäuschen?! Ich bin doch kein Mäuschen! Nico!"

Dann macht Nico mit Till weiter: "Na, Süßer?" In Nicos Herz scheint heute Platz für jeden zu sein. Munter verteilt er Handküsse und Komplimente.

"Hach, alle bekommen Nicos Liebe!", stellt Theresa fest und schürzt ihre roten Lippen.

"Du machst das doch alles nur für die Kamera, stimmt's?", fragt Hanna Nico, als er ihr einen seiner lasziven Augenaufläge direkt vor die Linse setzt.

"Ich habe heute irgendwie keinen Kopf!", merkt Theresa, "Wo ist denn nochmal...", sie scheint vergessen zu haben, was sie eigentlich sucht. Es ist aber auch ein Durcheinander auf der Galerie. Da sind die ganzen Schminkutensilien, Puder, Cremetiegel, Wattepads, Rouge, Lidschatten, Wimperntusche - am allerwichtigesten ist das Töpfchen mit der weißen Schminke. Alle Performenden bekommen weiße Augenbrauen. Die sind nur ein kleiner Teil des roten Fadens durch die ganze Installation, aber ein sehr wirksamer.

"Das sind so richtige Kindheitserinnerungen: Karnevalsschminken, Kinderschminken auf dem Jahrmarkt...", wird Marvin ein bisschen nostalgisch. Als er dann in seinem Kostüm steckt, bemerkt er, dass er sich ein bisschen wie ein Prieser oder ein Mönch fühlt - ob die wohl auch oft das Bedürfnis haben, mit ihrem Gewand zu flattern?

"Oh, Horst! Mir fällt noch ein: Rasierst du dich morgen auch? Also alles, nur der Schnurrbart bleibt, okay?", schlägt Will vor. Als ich heute Morgen ins Atelier gekommen bin und Will gesehen habe, dachte ich schon, dass irgendwas anders ist. Aber da bin ich noch nicht drauf gekommen, was es war. Jetzt ist es klar: Will hat sich einen hübschen Schnörres stehen lassen, sodass Horst und Will die gleiche Frisur im Gesicht haben.

"Ich muss erst meinen Schweiß von der Stirn wisschen, bin nervös bisschen", gesteht Irene, als Leonie sie schminken möchte. "Ich bin sehr aufgeregt: Heute, morgen, danach - und Sonntag tun mer feiern!", freut sich Irene, was die Aufregung wieder zu verbannen scheint. Außerdem: "Riecht nach Popcorn hier oben!"

Buket ist eine von den KünstlerInnen, die sich durch die neue Frisur total verändert hat. Sie wird gleich mit Komplimenten überschüttet. "Wow, dir werden die Männder zu Füßen liegen!", raunt Gwendolin. "Krass, ich dachte grade, was sitzt denn da für 'ne fremde Frau in der Maske! Wunderschön!", staunt Hanna. Auch Irene bestätigt: "Gut! Echt klasse, der Zopf!"

"Madonna!", bricht es aus Jutta heraus und meint wohl Leonie, die Kostümbildnerin damit, als sie all die KünstlerInnen in ihren Kostümen sieht. Sie umarmt Leonie herzlich und ist schwer beeindruckt, "Genial!"

"Das ist meine Abschlussarbeit", sagt Leonie stolz und alle sind der Meinung, dass sie da auch mächtig stolz drauf sein kann. All die Arbeit! Die liebevollen Details!

Und unten? Unten lichtet die Fotografin Katrin gerade alle Teams nacheinander ab. Ein bisschen unzufrieden ist sie mit dem künstlichen Licht im Kat. Das ist es aber auch schon. Ganz begeistert ist sie von den Kostümen und den DarstellerInnen. "Oh Mann, du bist ja ein richtiges Profi-Model!", klingt es nach oben. Neugierig linse ich nach unten. Nico räkelt sich an der Wand als wäre es sein Tagesgeschäft. Ich bin verwundert, dass mich das nicht wundert.

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